DEER CROSSING
2013

Die Fotografien von „DEER CROSSING“ stammen von Fotofallen von Jägern oder Biologen. Ich habe diese Bilder im Netz gesammelt.
Mit „DEER CROSSING“ hinterfrage ich den Status des Bildes in der Fotografie. Wem gehört das Urheberrecht des Bildes? Sollten die Fotografien nicht jedem gehören, da jeder Fotograf einen Moment aus unserer Welt „stiehlt“? Bei diesen Bildern treibe ich diese Frage auf die Spitze, denn hinter diesen Schnappschüssen steht kein Fotograf, der im richtigen Moment den Auslöser drückt. Wer schiesst denn das Bild? Der Jäger oder der Biologe, der die Kamera aufstellt? Die Fotofalle? Der Zufall oder gar das Motiv selber?

Zudem ist „Deer Crossing“ eine Anlehnung an die folkloristische Malerei oder an Gobelins, die man vielfach in Chalets oder Jagdhütten antrifft. Der Hirsch als Motiv der Folklore schmückt nicht nur Gemälde und deren Farbreproduktionen, sondern auch Gläser, Becher, Tassen, Krawatten oder Manschettenknöpfe. Er gilt als Inbegriff des "Wildkitschs".

 


 

KRISZINA
2013

Kriszina, das ist Krisztina B.. Sie ist Prostituierte. Sie trägt einen schulterfreien, schwarzen Overall mit silbernen Strasssteinen. Ihre Eltern stammen aus Ungarn. Ihre Haarfarbe ist ein helles Kastanienbraun, leicht rötlich. Dieses Haar gleitet über ihre Schultern, den Rücken hinab über ihr Gesäß, als ob es niemals enden wolle.
Dies ist Krisztinas´ Geschichte. Krisztina liebt Wunder und sie glaubt an das Schicksal. Es ist die Geschichte vieler Träume. Die meisten sind unerfüllt, aber schweben wie Atome permanent um sie. Der Alltag Krisztinas´ liegt fern dieser Träume. Die Rauheit der Erlebnisse in ihrem Leben hat sich in ihrem Gesicht festgesetzt. Wenn ich über Krisztina erzählen möchte, erzähle ich über ein Leben voller Kontraste und Widersprüche. Über Moet, Dior Parfum, Rolex-Uhren und täglich 10 verschiedenen Geschlechtspartnern. Über ein Leben voll Anpassung und Verwandlungskunst. Macht und Abhängigkeit und Rast- und Ruhelosigkeit. Krisztina pendelt zwischen den Welten. Einer Welt als Mutter in ihrer Heimat und der als Sexarbeiterin in Bern. (...) Text: Linda Elsner

 


 

DIFFERENT BODYBUILDERS WITH DIFFERENT NEWSPAPERS IN FRONT OF DIFFERENT BACKGROUNDS
2012

Die Bilder meiner Serie „DIFFERENT BODYBUILDERS WITH DIFFERENT NEWSPAPERS IN FRONT OF DIFFERENT BACKGROUNDS“ stammen von der grössten Bodybuilder-Seite im Web. Man sieht Menschen, die sich halbnackt mit Zeitungen präsentieren. Die Zeitungen sind ein eigenartiger Beweis, um zu zeigen, was für eine Statur sie an diesem Datum hatten, also den „Vorher/Nachher“ Prozess. Die meisten Bilder haben diese Menschen im Jahreswechsel hochgeladen, wenn die „guten Vorsätze“ gefasst werden. Vielfach strahlen diese Menschen eine eher traurige Präsenz aus, die Unzufriedenheit mit ihrem Körper steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Gleichwohl stellen sie diese privaten Fotos ins Netz und zeigen sie tausenden von Leuten, die dann Kommentare dazu schreiben können. Mit dem Gang in die Öffentlichkeit wollen sie sich selber motivieren abzunehmen oder Muskeln aufzubauen.

 


 

TABBING PEOPLE ON DIFFERENT ITEMS
2012

Die 150 Videos der Video/Soundinstallation „TABBING PEOPLE ON DIFFERENT ITEMS“ habe ich auf Youtube gefunden. Sie zeigen zumeist Hände von Frauen, die mit ihren Nägeln auf verschiedene Gegenstände und Untergründe tippen, wie Glastische, Handys, Teppiche, Kosmetikprodukte etc. Viele Flüstern dazu irgendwelchen Nonsense. Dieses Phänomen heisst ASMR (=Autonomous Sensory Meridian Response). Der ASMR-Effekt ist ein Kribbeln im Kopf, im Englischen wird manchmal auch von einem “Ear Orgasm” (“Ohr Orgasmus”) gesprochen. Dieses Kribbeln wird durch bestimmte Geräusche ausgelöst und versetzt Betroffene in einen sehr entspannten, tranceartigen Zustand. Klassische Geräusche, die solche Effekte auslösen, sind leise sprechende Stimmen, rascheln mit Kunststoffen oder Zeitungen, Tippen auf Tastaturen usw. Meine Installation beinhaltet drei Ipads verbunden mit Aktivboxen und einem Mischpult. Die Videos laufen auf allen 3 Tablets gleichzeitig und aus jedem Lautsprecher ertönt das Tippen in starker Lautstärke. Der monotone, feine Ton des Tippens wird durch die Überlagerung der Videos zu einem perkussionsartigen Klangraum. Diese Arbeit ist mein Kommentar zu unserer Touchscreen-Gesellschaft.

 


 

ALL YOU CAN EAT
2011

Die Fotos der Serie „ALL YOU CAN EAT" habe ich im Internet gefunden. Sie zeigen Amateuraufnahmen von fanatischen Waffenbesitzern, die mit ihren Waffen protzen wollen. Um die Authentizität ihrer Waffen zu beweisen, portraitieren sie diese – einem Stilleben gleich – mit zubereitetem Essen. Ich habe die Fotos in eigene Kategorien unterteilt: Frühstück, Suppen, Fleisch, Gemüse, internationale Gerichte, Desserts, Snacks und Getränke – wie auf einer Menükarte. Mit dieser Gliederung richte ich den Blick des Rezipienten auf die Mahlzeiten statt auf die Waffen. Die so geschaffene private Intimität des Esszimmers zusammen mit der neu geschaffenen Ordnung der Bilder anhand der Esswaren, untergräbt die beabsichtigte soziologische Bedeutung der Waffen – sie verkommen zur reinen Dekoration.


Das Buch zu ALL YOU CAN EAT finden Sie hier.

 


 

INDICES
2011

Stumme, stille Zeugen der Leere, die die Zeit langsam ausgehöhlt hat. Findlinge, die wie Monumente einer angehaltenen Zeit anmuten. Ein zentrierter Gegenstand, ein mittiges Etwas, mutet wie ein betäubtes Fundstück aus einer fremden Welt an. Um das Geschehen dehnt sich eine unterdrückte Stille aus. Das Einzige, die Stille durchbrechende, verblasst durch einen Hauch von entfremdeter Menschlichkeit und irgendwo und nirgends: erstarrte Bewegung.
INDICES lässt die Fragen offen. Fragen, die noch unausgesprochen sind. Der Raum wird durch Leere zum Sinnträger. Wie eine dokumentarische Kollektion von Absenzen beginnt der Raum Spuren von Geschichten anzudeuten, die in sich selbst noch keine Sprache haben. Wir nötigen uns Spuren zu finden und diese durch Sinngebung zu sichern und vermengen uns mit der Neutralität des Bildes.

Text: Christopher Jackson


Das Buch zu INDICES finden Sie hier.

 


 

YOU AND ME
2010

Auf der Plaza Alonso de Mendoza in La Paz stehen Tag ein, Tag aus Fotografen. Die Leute kommen vorbei, um sich von den Fotografen mit ihren Polaroid Kameras für Passbilder etc. ablichten zu lassen. Die Fotografen haben einen eigenen Kleidungstil, vielfach mit Trenchcoat und Hut, ähnlich wie die alten Meister der Schwarzweiss-Fotografie. Ich fotografierte jeden Fotografen auf dem Platz und liess mich im Gegenzug von ihm ablichten. So schaffe ich einen Dialog zwischen meinem Bild und jenem des Fotografen.

 


 

BROTHER ANTONIO
2009

Bruder Antonio ist ein 70-jähriger Bruder im Franziskaner Orden, den ich während eines Jahres mit meiner Film- und Fotokamera begleitet habe. Jeden Tag geht er mit seinem Fahrrad alte Menschen daheim und im Spital besuchen. In seiner Freizeit schreibt er Kurzgeschichten und Gedichte. Ich habe ihn gefilmt, als er seine Geschichten vorgelesen hat und fotografiert, als er wichtige Entscheide mit dem Kreuz-Pendel gefällt hat. Zum Video, (2 Texts of Brother Antonio in German)

 


 

100% HAPPY
2008

Die 15 Fotografien für „100% Happy“ realisierte während einer Reise nach Bamako (Mali) und Region. Bamako erlebte ich als eine Hauptstadt, in der Moderne und Tradition aufeinanderprallen. Auf dem Markt werden Affenköpfe verkaufen und am Stand daneben Handys repariert. Ausserdem fielen mir der Humor und die Lebensfreude dieser Menschen auf. Ich wollte nicht das Bild von Afrika (gleich Arm und Krieg), das in den Medien nur zu oft proklamiert wird, zeigen.
Mittels formaler Prägnanz und frontaler Bildkomposition versuchte ich irritierende, provozierende und zugespitzte Botschaften zu formulieren, welche den vermeintlich dokumentarischen Charakter der Fotografien durchbrechen. Es entsteht ein Geflecht aus Text und Bild, welches soziale, ökologische und ökonomische Kontraste aufzeigt, die ich als Folgen der Konsumgesellschaft denunziere.
100% HAPPY schafft einen Dialog zwischen dem Altvertrauten und Unzugänglichen.
Die Verschmelzung der Slogans mit den Fotografien hinterlassen ambivalente Gefühle. 100% HAPPY verbindet Altvertrautes mit Unzugänglichem. Es ist eine Art Manifest, das die Auswirkungen der aktuellen Weltpolitik aber auch Wahrnehmungs- und Denkstrukturen thematisiert, die durch Bilder jeden Tag beinflusst werden.

Publiziert von Filigranes Editions, Paris.

 


 

 

||||||||||| DAVID ZEHNDER 2014 |||||||||||